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Der Schal -
das Stricken hilft einer Strickerin ihren größten Verlust zu bewältigen.

von Erika Hernandez (mit Genehmigung aus dem Englischen übersetzt von Helga Torres)

Sie saß wie ein Indianer im Schneidersitz mitten auf ihrem Bett, die weiche Wolle floss durch ihre Hände. “Wie ein Indianer” -- nein, das wäre politisch nicht korrekt. Wie sagten ihre Kinder dazu? Ja, genau, “criss-cross Apfelmus”. Sie saß, und fragte sich wage, wie lange sie wohl so sitzen könnte, bevor ihr Rücken zu sehr schmerzte. Während sie saß, streichelte sie die Wolle, die sich durch ihre Finger bewegte, und sie strickte und strickte.

Sie liebte "den Griff" der Wolle. Manchmal dicker, manchmal dünner, gab sie ihren Händen ein Gefühl des Friedens. Es tröstete sie. Als sie gedankenverloren strickte, eine rechte Reihe, die nächste links, floss ihr Leid mit der Wolle auf die Nadeln, wo es sich in Maschen schlang. Es war ihr egal, welche Form das Strickstück annahm, sie strickte einfach weiter. Mit ihrem Kummer, der sich in vermischtem Gelb, Pink, Orange, Violet und Grau über ihre Hände ergoß, floß auch die Liebe.

Sie strickte für das Baby, das sie nie wieder in ihren Armen halten würde. Sie strickte für ihren Sohn, gestorben, bevor er nach Hause kommen konnte. Sie strickte dafür, ihn niemals an ihre Brust halten zu können. Sie strickte für den kleinen Plastikbehälter mit Asche, der verschlossen in einer Nische neben dem seines Großvaters stand. Sie strickte für die Erinnerungen – die Erinnerungen, die sie schätzte, und die, die sie nicht haben durfte. Sie strickte. Sie strickte.

Ihr Mann warf einen kurzen Blick ins Zimmer. Er sah den Wollfaden in ihrer Hand, das Gebilde, das aus ihren Nadeln wuchs. Er sah die Tränen, genauso lautlos wie die Wolle, Tränen, von denen sie nicht wusste, dass sie sie weinte, und er verließ den Raum, ohne ein Wort zu sagen. Er wusste, dass sie ihren Schmerz verstricken mußte.

Wie die Wolle dahinglitt, rollte der Ball vom Bett in eine Ecke des Raumes. Sie bemerkte es nicht; sie strickte nur. Sie wusste nicht, wann sie aufhören würde. Vielleicht nie. Vielleicht würde sie ewig stricken. Sie musste nicht darüber nachdenken, was sie tat, während ihre Trauer formlos von ihrem Herzen durch die Nadeln rann, um schliesslich Form anzunehmen; sie strickte. Ein winziger Gedanke formte sich irgendwo, mit dem sie sich fragte, was sie wohl erschuf, aber während die Wolle floß, strickte sie einfach weiter.

Als es beinahe Mitternacht war, bemerkte sie, daß ihre Hände sich nicht mehr bewegten. Der Wollball war zu ende und ihre Hände hielten einen einfachen Schal, mehrere Fuss lang. Äußerlich einfach - ja. Im Innersten einfach – nein! Langsam drehte sie ihn in ihren Händen, in der wollenen Weichheit schwelgend und staunend, wie ihn ihre Nadeln hergestelltt hatten, ohne ihr Wissen. Als sie den Schal an sich drückte, ihr Gesicht an ihm rieb und sich in ihn einwickelte, stellte sie gleichzeitig fest, dass ihr Rücken schmerzte und ihr Mann leise auf dem Bett lag, seine Hand auf ihrem Bein. Wann war er hereingekommen? Wie lange hatte er gewartet? Sie wandte sich ihm zu. Er setzte sich auf und nahm sie in die Arme. Die beiden hielten sich wortlos schluchzend über den Verlust ihres Sohnes. Als sie weinte, fühlte sie den Schal an ihrem Gesicht und sie wußte, ohne darüber nachzudenken, wie sehr sie diesen unvollkommenen Schal schätzen würde, in den ihre Trauer eingewoben war, diesen Schal, dessen Wolle sie für immer trösten würde.

Nach fast 30 Jahren Strickabstinenz, nahm Erica im Dezember 2004 die Nadeln wieder in die Hand, um damit einen Weg zu finden, ihre Trauer über den Tod ihres Sohnes Paul zu kanalisieren. In den darauf folgenden 8 Monaten strickte sie ungefähr 80 Babymützchen, drei Babydecken, eine grössere Decke, 15 Schals, zwei Kindermützen, zwei Ponchos, 12 gefilzte Taschen und verschiedene Dinge für die Barbies und Puppen ihrer Töchter (ein paar gehäkelte Sachen waren auch dabei).
Sie stuft sich jetzt als süchtig ein und überlegt, fertige Werke zu verkaufen, um ihre Abhängigkeit zu finanzieren.

Erica lebt und bloggt mit ihrem Ehemann, zwei Töchtern und einem Hund in South San Francisco, USA.

Text und Bilder ©2005 Erica Hernandez; Kontakt eMail
übersetzt von Helga Torres; Kontakt eMail

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